beten und hoffen

Wer erinnert sich noch an den Beginn der Fastenzeit? Für mich ist er darum noch so präsent, weil wir am Aschermittwochabend um 18 Uhr die Ausstellung "Opfer rechter Gewalt" in der DiakonieKirche eröffneten. An was ich mich ebenso erinnere, waren meine persönlichen Fragen zur Fastenzeit, die mich bewegten: zu was möchte ich diese Zeit nutzen? Was in meinem Alltag verändern, und sei es nur vorübergehend? In den Gottesdiensten der DiakonieKirche nahmen wir das Fastenmotto auf: Zuversicht - 7 Wochen ohne Pessimismus. Wer hätte geahnt, dass das Thema so aktuell sein wird?

 

Die Chance der Fastenzeit liegt in ihrer Begrenzung auf 40 Tage. Das ist relativ übersichtlich. Wir leben in dieser Zeit auf Ostern zu. Der Weg dahin ist ein Weg ins Licht, auch wenn wir nicht nur helle Erfahrungen machen. Er wird  leichter durch das Erwachen der Natur, die unabhängig von allem, was sonst um uns herum geschieht, aufbricht und Neues hervorbringt.

Nun befinden wir uns in der letzten, der siebten Fastenwoche, gleichzeitig in der vierten Woche, in der wir zwangsweise Nähe fasten. Die Passionszeit geht am Sonntag zu Ende, das Leben kehrt mit aller Pracht zurück. Ostern ist das Fest des Lebens. Aber der Verzicht auf Nähe und Begegnung wird länger dauern. Ein Ende ist nicht in Sicht, weder am Ostersonntag, noch am Ende der Osterferien.

 

Was ist geblieben von der Zuversicht am Anfang der Passionszeit? Wie gelingt es uns in Woche vier, durch Telefonieren einander im Blick zu behalten und im Austausch zu bleiben? Wie viel Raum nimmt das Sorgen ein? Wurde es uns zu einer guten Gewohnheit, den Alltag in Isolation mit einem Mittagsgebet zu unterbrechen?

"Bald ist es geschafft!", mit dieser Haltung ist man versucht, sich und andere zu motivieren. Aber die Zeit dehnt sich, sie kostet Kraft. Es kann nicht darum gehen, diese schwierige Zeit irgendwie durchzustehen, sondern auch jetzt jeden Tag als Geschenk anzunehmen und zu gestalten.

 

Dabei helfen kann uns der Bibelabschnitt für diese Woche. Er stammt, ebenso wie der Abschnitt des letzten Briefes, aus der Bergpredigt, jener langen Rede Jesu im Matthäusevangelium. Nehmen Sie sich die Zeit und lesen Sie bitte zuerst einmal nur die abgedruckten Verse aus Matthäus 7. Nutzen Sie ein leeres Blatt und notieren Sie darauf, was Jesu Worte in Ihnen auslösen. Lassen Sie sich Zeit, bevor Sie weiterlesen.

Mat 7, 7-11 (Hoffnung für alle):

»Bittet Gott, und er wird euch geben! Sucht, und ihr werdet finden! Klopft an, und euch wird die Tür geöffnet! 8 Denn wer bittet, der bekommt. Wer sucht, der findet. Und wer anklopft, dem wird geöffnet. 9 Würde etwa jemand von euch seinem Kind einen Stein geben, wenn es um ein Stück Brot bittet? 10 Oder eine Schlange, wenn es um einen Fisch bittet? 11 Trotz all eurer Bosheit wisst ihr Menschen doch, was gut für eure Kinder ist, und gebt es ihnen. Wie viel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes schenken, die ihn darum bitten!«

 

Meine kurz gefassten Beobachtungen zu den Versen sind: Es geht um das Beten und um die Hoffnung, die mit dem Beten verbunden ist. Wir erfahren nicht, ob wir genau das bekommen werden, um was wir bitten, oder ob hinter der Tür uns das erwartet, was wir uns idealerweise vorstellen. Aber Jesus macht deutlich: "Gott meint es gut mit euch, darum rechnet damit, dass er euch Gutes geben wird."

Um dies zu unterstreichen, verweist er auf unseren Alltag. Ganz selbst-verständlich tun wir unseren Kindern Gutes! Aber der Mensch kann auch anders, und das meint nicht nur, dass er anderen das Toilettenpapier wegnimmt. Das Wort "Bosheit" (V.11) ist hier ziemlich unbequem. Am Ende schließt Jesus von dem natürlich-selbstverständlichen Handeln des Menschen, auf das uneingeschränkt-lebensfördernde Handeln Gottes.

Entscheidend ist die Beziehung. Nicht zufällig geht es hier um die Familie. Zwischen Eltern und Kind besteht eine andere Beziehung als zu dem Fremden an der Supermarktkasse. Wo eine Beziehung zum Gegenüber besteht, fällt das Geben leichter - und auch das Bitten. Das entlastet.

 

Obwohl, stimmt das? In diesen Wochen geht es häufig ums Geben. Wir achten mehr aufeinander, rufen sehr viel bewusster an. Meine Nachbarn, zu denen ich bisher kaum Kontakt hatte, sagten freundlich: "Und wenn ihr was braucht, sagt Bescheid." Unsere Helden des Alltags sind jene, deren Geben "systemrelevant", also für unsere Gesellschaft wichtig ist.

 

Wie aber ist es mit dem Bitten? Wenn es uns schlecht geht, es also notwendig ist, dann fällt es uns wahrscheinlich nicht schwer. Aber wann geht es mir schlecht? Ab wann ist es in den Augen der anderen ok, Hilfe zu erbitten? Und, - kann ich mir das überhaupt leisten? Denn dann bin ich ihr/ihm ja was schuldig, will/muss es wieder vergelten, die Bilanz von Geben und Nehmen muss doch ausgeglichen sein! Wer bittet, begibt sich in ein Abhängigkeitsverhältnis. Wer geben kann, fühlt sich gut, wird gebraucht. Geben ist darum viel einfacher, wenngleich es auch in eine Abhängigkeit führen kann (Helfersyndrom).

 

"Ich bin schlecht darin, um Hilfe zu bitten." Das ist eine erste wichtige Erkenntnis. Die zweite: es braucht Mut, es zu tun. Mut, um ohne Nebengedanken und Berechnung dem anderen meine Bedürftigkeit zu zeigen. Dabei geht es nicht nur um die großen Lebensthemen. Das dritte: es hilft ungemein, wenn ich weiß, was ich brauche und wenn ich das klar und deutlich benennen kann. Das kann man lernen. Zu erwarten, dass dies andere erraten, ist unfair.

Diese Fragen und Gedanken bewegen wir auf dem Hintergrund von Jesu Gewissheit, dass unser Vater im Himmel uns mit allem versorgt, was wir in diesen Tagen brauchen. Als Menschen, die fröhlich geben, was uns möglich ist, und als Menschen, die immer wieder neu lernen, zu ihrer eigenen Bedürftigkeit zu stehen und sie auszusprechen.

 

Ich bin gespannt auf Ihre Gedanken zu den Versen und freue mich auf den Austausch per Brief, eMail oder Telefon.

In dieser Lern- und Übungszeit wünsche ich Ihnen Zuversicht und Gottes Segen!

Ihr Paul-Gerhard Sinn

 

P.S.:

- Hier finden Sie eine kleine Küchentischliturgie für den Ostersonntag. Sie nimmt eine Anregung von Pfr. Holger Pyka aus Wuppertal auf.

- Möchten Sie den Wochenbrief gerne regelmäßig lesen und dabei in der Hand halten, lassen Sie uns eine kurze Info zukommen: info@wuppertaler-stadtmission.de


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